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Omega-3-Fettsäuren in Therapie und Prävention

Neue Studienergebnisse der Uni München sowie spannende Evolutionsaspekte

Prof. Dr. med. Olaf Adam
Medizinische Klinik Innenstadt, Ludwig-Maximilian-Universität, München

 
Der Aufstieg von Omega-3-Fettsäuren zum Star unter den Nährstoffen begann vor gut 50 Jahren. Damals untersuchte ein Forscherteam die Ernährungsgewohnheiten der Inuit-Bevölkerung in Grönland und machte eine erstaunliche Entdeckung: Obwohl die Inuit sich fast ausschließlich von rohem, fettem Fisch, Robben- und Walfleisch ernährten, litten sie extrem selten an Herz-Kreislauf-Erkrankungen und ihre Blutfettwerte waren hervorragend. Dies war Wissenschaftlern noch bis vor einigen Jahren ein Rätsel, da man annahm, dass nur eine fettarme Ernährung mit reichlich Linolsäure und wenig gesättigten Fettsäuren, Gefäße und Herz schützt. Die Ursache dieses Phänomens liegt im Fisch selbst - und zwar in den darin enthaltenen Omega-3-Fettsäuren.

Zahlreiche Forschungsergebnisse belegen inzwischen den gesundheitlichen Nutzen von Omega-3-Fettsäuren: Sie wirken blutdrucksenkend und gefäßschützend bei Arteriosklerose, entzündungshemmend bei rheumatischen Erkrankungen, können Allergien bessern und haben sogar eine schützende Wirkung bei verschiedenen Krebsarten. Sehr gut kontrollierte Studien haben gezeigt, dass Omega-3-Fettsäuren den Krankheitsverlauf verschiedener Autoimmunerkrankungen, besonders der entzündlich-rheumatischen Erkrankungen positiv beeinflussen.

Für die Gesundheit ist es dabei nicht nur maßgeblich, dass ausreichend Omega-3-Fettsäuren aufgenommen werden, es kommt auch auf die Zufuhr einer weiteren Fettsäurefamilie, den Omega-6-Fettsäuren, an. Zu den Omega-6-Fettsäuren zählen die Linolsäure und die Arachidonsäure. Das Verhältnis der Omega-6-Fettsäuren zu den Omega-3-Fettsäuren in der Kost wird als Omega-6/Omega-3-Quotient bezeichnet. Er ist für die gesundheitlichen Wirkungen entscheidend. Der Grund hierfür ist in der Evolution zu suchen. So geht man davon aus, dass sich die Entwicklung der frühen Menschen unter einer Ernährung mit einem Verhältnis von Omega-6- zu Omega-3-Fettsäuren von 1:1 vollzogen hat.

Erst mit dem Übergang zu Ackerbau und Viehzucht, der nach biologischer Zeitrechnung erst vor kurzem stattgefunden hat, und vor allem seit der ,,Industrialisierung" von Ackerbau und Viehzucht in den letzten 100 Jahren, stieg die Aufnahme von Fett insgesamt. Zudem wurden stetig mehr Omega-6-Fettsäuren und immer weniger Omega-3-Fettsäuren aufgenommen, da der Verzehr von Fisch zurückging und das Fleisch frei lebender Tiere durch das Fleisch von Masttieren ersetzt wurde.

So kam es zu einer massiven Verschiebung im Verhältnis der Omega-Fettsäuren und gleichzeitig zum dramatischen Anstieg der Herz-Kreislauferkrankungen, rheumatischer Erkrankungen, Allergien und bestimmter Krebsarten. Die nationalen und internationalen Gesellschaften für Ernährung, so auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung, haben sich für ein wünschenswertes Verhältnis der Omega-6-Fettsäuren zu Omega-3-Fettsäuren von ca. 5:1 ausgesprochen. Jedoch liegt der Durchschnittsmix tatsächlich bei einem Verhältnis von mindestens eins zu zehn.

Was in der Evolution des Menschen maßgeblich dazu beigetragen hat, dass sich der ostafrikanische Frühmensch zum Homo sapiens entwickeln konnte, ist offenbar auch heute noch für die Entwicklung Gehirn und Retina entscheidend: Omega-3-Fettsäuren. Aus diesem Grund enthält Muttermilch trotz unserer heutigen Ernährungsbedingungen reichlich Omega-3-Fettsäuren, um ein rasches Gehirnwachstum in den ersten Lebensmonaten des Kindes zu gewährleisten.

Neben fettreichen Kaltwasserfischen wie in der Ernährung der Inuit sind auch pflanzliche Öle, allen voran Rapsöl, Quellen für Omega-3-Fettsäuren. So enthält Rapsöl alpha-Linolensäure, die der menschliche Körper zu einem Teil in die wertvollen Fischölfettsäuren umwandeln kann. Eine aktuelle Studie der Universität München versucht nun sich genau diesen Umstand zu nutze zu machen.

Dabei wird geprüft, ob sich die bei Patienten mit rheumatoider Arthritis erwünschten Blutkonzentrationen an Fischölfettsäuren auch mit alpha-Linolensäure erreichen lassen. Das wäre für die Patienten ein Vorteil, da Fischölkapseln teuer sind, negative Begleiterscheinungen haben und regelmäßig hoher Fischverzehr von den meisten Deutschen abgelehnt wird. Zudem enthalten Fische sehr unterschiedliche Mengen an den erwünschten Fischölfettsäuren.

Alle Patienten der noch nicht abgeschlossenen Studie haben bislang einen Anstieg der Fischölfettsäuren im Blut unter der Zufuhr von alpha-Linolensäure über die Ernährung zu verzeichnen. Soweit es bisher beurteilt werden kann, reagieren nicht alle Patienten gleich. Das gilt sowohl für die Bildung der Fischölfettsäuren, als auch für die Besserung der klinischen Beschwerden. Die Mehrzahl der bisher untersuchten Patienten reagiert sehr positiv. Sollte sich dieses Ergebnis bestätigen, wäre das eine wichtige neue Erkenntnis, die den Patienten zu Gute käme. Daneben würde man mit dieser Ernährung auch dem Herzinfarkt vorbeugen, der bei Patienten mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen doppelt so häufig wie in der Normalbevölkerung vorkommt. Die Erkenntnis, dass mit Omega-3-Fettsäuren aus pflanzlichen Quellen – und Rapsöl ist da sicher eine der besten – therapieunterstützend positive Effekte erzielt werden kann, würde auch die überfischten Meere schützen.

Wenn Rapsöl nicht ausreicht, um die Spiegel der Fischölfettsäuren in den gewünschten Bereich zu bringen, kann mit Fischverzehr nachgeholfen werden. Eine Kombination von Rapsöl und Kaltwasserfisch scheint eine optimale Ernährung zu sein – nicht nur für Patienten mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen, sondern auch für Gesunde, um Herzinfarkt und Arteriosklerose vorzubeugen.