Fachtagung zu Körnerleguminosen von UFOP und Fachhochschule Südwestfalen setzt Impulse für Anbau und Vermarktung

PB_Koenerleguminosentagung_I_200916.jpgBerlin, 20. September 2016. Über 120 Experten aus dem gesamten Bundesgebiet diskutierten anlässlich der Fachtagung „Erfolgreich mit heimischen Körnerleguminosen: Aber wie?“, die von der Union zur Förderung von Oel- und Proteinpflanzen e.V. (UFOP) in Kooperation mit der Fachhochschule Südwestfalen durchgeführt wurde, Ansätze für eine erfolgreiche Entwicklung des Sektors. Präsentiert wurden zahlreiche positive Beispiele von der Züchtung über den Anbau, dem Handel, der Verarbeitung bis hin zur Verwendung als Futter- und Nahrungsmittel. Allerdings wurde auch deutlich, dass eine positive Fortentwicklung des Sektors von den künftigen Rahmenbedingungen im Greening abhängig ist, zum Beispiel von der Verfügbarkeit des chemischen Pflanzenschutzes.

Bereits in seiner Begrüßung stellte der UFOP-Vorsitzende Wolfgang Vogel fest, dass der Anbau von Eiweißpflanzen ohne chemischen Pflanzenschutz für konventionell wirtschaftende Ackerbaubetriebe keine Option darstellt. Die EU-Kommission schlägt jedoch vor, die Anwendung von chemischem Pflanzenschutz bei Leguminosen auf der ökologischen Vorrangfläche ab 2017 zu verbieten. Damit würde die bisherige Aufwärtsentwicklung nach Ansicht der UFOP abrupt beendet und der Umfang des Eiweißpflanzenanbaus würde wieder auf die begrenzte Fläche im ökologischen Landbau zurückfallen. Die UFOP fordert daher, auch künftig Pflanzenschutz nach guter fachlicher Praxis auf der ökologischen Vorrangfläche zu ermöglichen. Ebenso fordert die UFOP vor dem Hintergrund des anstehenden Bundesratsbeschlusses zur Direktzahlungen-Durchführungsverordnung eine Entbürokratisierung durch Streichung der fixen Fristen für den Verbleib der großkörnigen Leguminosen auf dem Acker, um in Abhängigkeit von der angebauten Fruchtart und der Witterung die notwendige Flexibilität bei der Ernte zu gewinnen.
 
Im Grußwort des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft verwies Abteilungsleiter Clemens Neumann auf das erfolgreiche Anlaufen der BMEL-Eiweißpflanzenstrategie mit der Förderung der Demonstrations-Netzwerke. Es sei im Interesse des Bundesministeriums, auch künftig die Rahmenbedingungen für den Leguminosenanbau positiv zu gestalten. Neumann sagte zu, die vom UFOP-Vorsitzenden vorgebrachten Forderungen in seinem Hause prüfen zu lassen und bestmöglich zu unterstützen.
 
Im Themenkomplex „Züchtung und Anbau“ referierten Dr. Olaf Sass, Norddeutsche Pflanzenzucht Hans-Georg Lembke KG, Frau Dr. Brigitte Ruge-Wehling, Julius Kühn-Institut Groß-Lüsewitz, Günter Klingenhagen, Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen, und Bernd Schachler, Saatzucht Steinach GmbH & Co KG. Sowohl Dr. Sass als auch Frau Dr. Ruge-Wehling zeigten die Fortschritte der Pflanzenzüchtung bei heimischen Körnerleguminosen in den letzten Jahren auf. So konnte eine deutliche Verbesserung bei Ertragsleistung, Standfestigkeit insbesondere bei Erbsen und Resistenzeigenschaften erreicht werden. Damit stehen für den Praxisanbau geeignete Ackerbohnen- sowie Futtererbsensorten und Sorten der Blauen Süßlupine zur Verfügung. Betreffend Anthraknosekrankheit konnte die Züchtungsforschung resistentes Material identifizieren, welches nunmehr in künftige Sorten überführt wird. Klingenhagen betonte die Bedeutung von Pflanzenschutzmitteln für die Absicherung von Ertragshöhe und Qualitäten bei Körnerleguminosen. Im Zusammenhang mit der Re-Registrierung von Altwirkstoffen im EU-Pflanzenschutzrecht wies Klingenhagen auf die Notwendigkeit hin, eine Palette an breit wirksamen und gut pflanzenverträglichen Beizmitteln, Herbiziden, Insektiziden und Fungiziden aus verschiedenen Resistenzklassen beizubehalten. Daneben ist für den erfolgreichen Anbau von heimischen Körnerleguminosen ein hoher Stand der Ackerkultur wichtig. Gut versorgte Böden mit gesunder Struktur sowie zum richtigen Termin durchgeführte agronomische Maßnahmen sind nicht nur bei Ackerbohnen und Futtererbsen von Vorteil, sondern können bei den eher auf leichteren Böden verbreiteten Blauen Süßlupinen Erfolg oder Misserfolg im Anbau ausmachen. Aufgrund langjähriger Erfahrungen als Anbauberater für Blaue Süßlupinen konnte Schachler zahleiche Tipps für eine optimale Bestandesführung geben.
 
Im Block „Agrarhandel und Verarbeitung/Mischfutterherstellung“ präsentierten Torsten Stehr, Stader Saatzucht eG, und Konrad Lichtin, agrosom GmbH Mölln, Konzepte für eine stärkere Einbeziehung von heimischen Körnerleguminosen in Futter für landwirtschaftliche Nutztiere. Mit dem innovativen Mischfutterprogramm „Saatzucht regio“ stellte Stehr erstmals die neu entwickelte Kampagne zur Produktion von Futtermitteln für Rind und Schwein aus regional erzeugten landwirtschaftlichen Rohstoffen der Öffentlichkeit vor. Dem vorausgegangen war die Vorstellung des Konzeptes bei Lebensmittelhandel und Fleischverarbeiter vor Ort. Im Programm stehen ebenfalls GVO-Freiheit und Verzicht auf importiertes Soja sowie Palmöl im Vordergrund. Die im Elbe-Weser-Gebiet angebaute Ackerbohne ist neben Rapsfuttermitteln ein wesentliches Standbein des neuen Konzeptes. Lichtin zeigte für die Futtermittelproduktion Optionen zum Aufschluss und zur Futterwertverbesserung von Körnerleguminosen durch technologische Verfahren mit Schwerpunkt Extrudieren auf.
 
Dr. Manfred Weber, Landesanstalt für Landwirtschaft und Gartenbau Sachsen-Anhalt, Frau Dr. Annabel Bergmann, Beratungsring Nordkehdingen e.V., und Jan Oltmann, Oltmann GbR aus Drochtersen, erläuterten im Themenbereich „Tierernährung“ Konzepte zur Verfütterung von Ackerbohnen, Futtererbsen und Blauen Süßlupinen. Die Kernaussage im Vortrag von Dr. Weber lautete, dass für die Schweinefütterung antinutritive Inhaltsstoffe wie Tannine oder Alkaloide in modernen Körnerleguminosensorten kein Problem mehr darstellen, so dass Mischungsanteile zwischen 20 und 30 Prozent – in Abhängigkeit von der Leguminosenart und dem Mastabschnitt – ohne Leistungseinbußen möglich sind. Frau Dr. Bergmann stellte die Einsatzmöglichkeiten von Ganzpflanzensilage aus Ackerbohnen in der Milchkuhfütterung in den Mittelpunkt ihrer Ausführungen und konnte die zahlreichen mit dem Ackerbohnenanbau verbundenen Vorteile im Ackerbau belegen. So kam sie zu einem positiven Kosten-Nutzen-Verhältnis zugunsten der Ackerbohne in Mitgliedsbetrieben des Beratungsrings Nordkehdingen e.V. im Vergleich zum Anbau anderer Kulturen wie z.B. Stoppelweizen. Oltmann als Landwirtschaftsmeister und Inhaber eines landwirtschaftlichen Betriebes mit 190 Hektar Ackerland und 250 Milchkühen mit einer Durchschnittsleistung von 10.300 Liter Milch in 2015 konnte aus eigenen Erfahrungen aus Anbau und Verfütterung von Ackerbohnen die Ausführungen von Frau Dr. Bergmann eindrucksvoll bestätigen. In der Oltmann GbR werden Ackerbohnen auch künftig ein fester Bestandteil der Fruchtfolge bleiben.
 
In der Sektion „Humanernährung/Technische Anwendungen“ stellten Frau Dr. Stephanie Mittermaier, Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung, Thomas Pruter, Emsland Group Emlichheim, und Dr. Ralf Tressel, Pilot Pflanzenöltechnologie Magdeburg e.V. den Stand der Markteinführung und Perspektiven von Körnerleguminosen basierten Zutaten für Lebensmittel und non food-Erzeugnisse dar. Sowohl bei Blauen Süßlupinen als auch bei Futtererbsen und Ackerbohnen steht die Gewinnung von hochreinen Proteinisolaten im Vordergrund. Mit der aus dem Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung ausgegründeten Prolupin GmbH ist in Mecklenburg-Vorpommern seit 2010 ein erstes kommerziell tätiges Unternehmen mit Lupinen-Speiseeis auf dem Markt. Im Jahr 2014 wurde die Produktpalette deutlich erweitert und inzwischen sind Eis, Joghurt, Drinks, Nudeln und Frischkäse mit Lupinenprotein als Zutat breit in verschiedenen Lebensmitteleinzelhandelsketten gelistet. Bei Futtererbsen stand laut Pruter bei der Emsland Group zunächst die Gewinnung von Erbsenstärke im Fokus des Interesses, aber sehr schnell zeigten sich gute Marktchancen auch für Erbsenprotein und Erbsenfasern. Mit über 100.000 Tonnen jährliche Erbsenverarbeitung ist die Emsland Group inzwischen als Schwergewicht für die Herstellung hochwertiger Lebensmittelzutaten aus Palerbsen anzusehen, wobei die für die Erbsenverarbeitung in Emlichheim und Golßen ansässigen Werke zunehmend Interesse an dem Bezug von regional erzeugten Erbsen aus Vertragsanbau zeigen. Die Arbeiten an der Ackerbohne in Magdeburg belegen eine ebenfalls gute Eignung von Ackerbohnenproteinisolat als Lebensmittelzutat. Auch die Technofunktionalität von Ackerbohnenprotein – insbesondere die Kohäsions- und Adhäsionskräfte – lassen auf eine gute Nutzbarkeit für die Herstellung von Bindemitteln und anderen technischen Produkten schließen. Allerdings sind bei der Ackerbohne noch weiterführende Forschungsarbeiten zur Verwertung der Stärkekomponente notwendig. Die Pilot Pflanzenöltechnologie Magdeburg e.V. steht hierfür als Partner zur Verfügung.
 
Prof. Dr. Bernhard C. Schäfer, Fachhochschule Südwestfalen und Mitveranstalter, bescheinigte in seinem Fazit zur Fachtagung Ackerbohnen, Futtererbsen und Süßlupinen gute Entwicklungschancen. Entlang der gesamten Wertschöpfungskette von der Züchtung bis hin zur Verwertung herrscht eine positive Aufbruchsstimmung. Die Agrarpolitik ist nunmehr gefordert, die Voraussetzungen für eine weitere Anbauausdehnung günstig zu gestalten sowie die heimischen Körnerleguminosen weiter fördernd und unterstützend zu begleiten. Daneben machen beispielhafte und erfolgreiche Initiativen der Wirtschaft Mut, die Wertschöpfung für alle an der Kette Beteiligten zu verstetigen und künftig weiter auszubauen.